Bewusstsein für Komplexität

Lineares Denken in komplexen Zeiten ist unsere größte Herausforderung.

Kinder sind extrem neugierig. Sie lernen durch Wiederholen und Nachahmen. Rückschläge nehmen sie hin. Hinfallen gehört zum Laufenlernen und Beulen sind schnell vergessen.

Was ein Kleinkind an Neugierde und Kreativität mitbringt, geht Erwachsenen durch „Erziehung“, Schule, Studium und Berufsleben nach und nach verloren. Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verlangt, dass wir linear denken und die „Soft Skills“ wie Empathie oder Intuition außen vor lassen.

Im Industriezeitalter war das Mitdenken und die Kreativität des Einzelnen selten gefragt. Menschen in vergangenen Epochen sollten als Arbeitskräfte „funktionieren“ oder als Soldaten Befehle befolgen. Kreativität war Künstlern vorbehalten.

Lineares Denken basiert auf der Annahme, dass alles auf der Welt berechenbar ist. Ergebnisse sind nach dieser Sichtweise gestaltbar. Businesspläne, Gesetze und Verordnungen sind die Belege für lineares Denken.

Exponentielle Vorgänge sind uns fremd. Vernetzte Zusammenhänge erfassen wir nicht sofort und urteilen ohne Kenntnis der Faktenlage. Lineare Denkweisen sind im Zeitalter der digitalen Netze ein Problem, weil Komplexität nicht beherrschbar ist. Sollen die anstehenden Probleme zügig angegangen werden, müssen wir ein Bewusstsein für Komplexität entwickeln.

Gerhard Sperling - Zukunft anders denken

Gerhard Sperling

Unser altes Denken aus dem Industriezeitalter verhindert, dass wir Lösungen für die Zukunft finden. Ein Paradigmenwechsel zum vernetzten Denken ist dringend erforderlich.

Komplexität leben, aus Denkkäfigen ausbrechen

Kinder bringen alle Fähigkeiten für das Leben in einer komplexen Welt mit. Unbändige Neugier, Veränderungswille, Kreativität, riesige Lernbereitschaft sind in den ersten Lebensjahren bestimmend. Wenn „Erziehung“ einsetzt und „AUSgebildet“ wird, gehen die wertvollsten aller Fähigkeiten, die den Menschen ausmachen, verloren. Erwachsene haben schließlich nur noch einen Bruchteil der Kreativität eines Kleinkindes und müssen ein neues Bewusstsein für Komplexität entwickeln.

Überlagerte Herausforderungen

Wir alle erleben in den letzten Jahren durch die Digitalisierung einen extremen Wandel.

Milliarden Menschen haben zeitgleich die Chance, miteinander zu kommunizieren. Jeder kann seine Meinung überall an den alten Kommunikationswegen vorbei veröffentlichen. Experten verlieren ihre angestammten Positionen, weil ihr Wissensmonopol verloren geht. Vertraute Strukturen lösen sich auf und die Unsicherheit hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen steigt. Menschen engagieren sich politisch, vertrauen allerdings Politikern nicht mehr. Die Politik erkennt nicht, welche Folgen der digitale Wandel mit sich bringt und muss dringend ein Bewusstsein für Komplexität entwickeln.

Quantencomputer und die nächsten Generationen von „Künstlicher Intelligenz“ treffen unsere Welt in wenigen Jahren wie ein Tsunami. Zusammen mit den ungelösten Problemen anderer Bereiche wie Umwelt, Ressourcen, Klima, Mobilität, Energie usw. entsteht eine „Welle“ mit ungeheurer Wucht. Diesem Tsunami können wir mit linearem Denken nicht begegnen! Wir brauchen ein neues Mindset für zukunftsorientiertes Denken.

Hochqualifizierte Berufe in allen Bereichen stehen unter dem Einfluss von „Künstlicher Intelligenz“ und Robotik. Wer als Unternehmer sein Geschäftsfeld neu ausrichten muss, steht vor einem Paradigmenwechsel. Er muss lineares Denken und sinnorientiertes Denken miteinander verbinden und Muster in der Komplexität für sich erkennen.

Die wahren menschlichen Fähigkeiten wie Kreativität, Intuition, Empathie, Neugier und Veränderungswille sind entscheidend für die Zukunft. Diese menschlichen Fähigkeiten sind komplex und damit sind sie die Schlüssel für eine komplexe Welt.

Kompliziert? Komplex?

Komplizierte Prozesse sind berechenbar und steuerbar, komplexe Systeme sind es nicht. Eine Maschine ist kompliziert, eine Pflanze ist komplex. Der Lauf einer Maschine ist auf ein Ergebnis hin steuerbar. Das Wachstum einer Pflanze ist nicht planbar.

Wir leben in einer hochkomplexen Welt, in der alles mit allem verwoben ist. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind durch den tiefgreifenden Kulturwandel, in dem wir uns befinden nicht mehr steuerbar. Wer in einer komplexen Welt mit linearem Denken die Schalter legt, kann viel Unheil anrichten.

Komplexität wird nicht über Methoden oder Systeme steuerbar. Wenn wir zu regeln versuchen, bleibt das Ergebnis trotzdem immer offen. Für diese Zusammenhänge muss ein Bewusstsein entstehen. Unsere Zukunft ist hochkomplex und nicht mehr über Gesetze oder Regeln steuerbar.

Zum Schluss ein Beispiel, das viele so lieben:
Fußball ist ein komplexes System. Niemand käme auf die Idee, den Spielausgang auf der Grundlage der Spielregeln vorher sagen zu wollen. Und jeder weiß, dass der Spielausgang in entscheidenden Situationen vom Mannschaftsgeist abhängt.

Die wahre Power entsteht, wenn der Funke in der Mannschaft überspringt.